Die Geschichte des "Schuhbkarrenrennens" in der Gemeinde Hoppstädten:

Schubkarren-Rennkomitee und Gesangverein Schrecklich

Die Nahe-Zeitung brachte in ihrem Jahresrückblick 2000 unter 12./13. August folgende Notiz: "In Hoppstädten-Weiersbach elektrisierte das 10. Schubkarrenrennen die Massen". Auf der Festschrift zu diesem Ereignis hieß es: "Festschrift zum 65-jährigen Schubkarren-Renn-Jubiläum". Der aufmerksame Leser stellte sofort einen Widerspruch fest und fragt sich, was hier wohl stimmt. Beides ist zutreffend, obwohl es mehr als ungewöhnlich erscheint. Bei diesem eigenwilligen und lange Zeit einzigartigen Sportspektakel war und ist vieles ungewöhnlich: der Renngruß ("Hall Droff"), die Kleidung des Komitees (schwarzer Frack mit hellen Knickerbockern und roten Strümpfen), die Kopfbedeckung (schwarze Melone), die Rennmaschinen (mittlere und schwere Transportmaschinen aus landwirtschaftli-chen Betrieben mit Zweibein-Muskel-Motoren), die Rennintervalle, die Rennordnung, der Renneid u.v.a.m.
Begonnen hat es im Jahre 1935. Am 2. Kirmestag (26. November) fand das erste Rennen statt. In zwei Klassen (Holz und Blech) starteten die Pioniere des Schubkarrenrennsports zu einem Berg- und Talrennen über den "Hübel". Diese Strecke erwies sich als zu anspruchsvoll, da vor allem bei der Abfahrt in Richtung "Schlemmers Eck" die Rennboliden zu schnell wurden und erhöhte Verletzungsgefahr drohte. Beim nächsten Rennen wechselte man auf die inzwischen traditionelle Rennstrecke "Toller Rennkessel" (Hauptstraße - Gass - Wirth - Hauptstra-ße). Im Jahre 1953 versuchte man es durch den "Pferch"; doch es blieb bei einem einmaligen Versuch.

Was für den alten Nürburgring "Adenauer Forst", "Döttinger Hö-he" oder "Schwalbenschwanz" waren, sind für den "Tollen Renn-kessel" in Hoppstädten "Staffelbachgerade" mit Start und Ziel, "Seufzerbrücke", "Muskelriss", "Schleuderbogen", "Kraftstrang-gerade", "Hexenknie", "Tränental" und "Endkampfbrücke". Die 12 Gründerväter aus dem Jahre 1935 waren ehemalige "Heck-Meck-Aktivisten", die zusammen mit einigen Zugezogenen ("Fremme") das Schubkarren-Rennkomitee und den Gesangverein "Schrecklich" gründeten und so die Geburtshelfer einer neuen, bisher leider noch immer nicht olympischen Sportart wurden. In alphabetischer Reihenfolge waren es Adam Bambach, Karl Decker, Josef Feis, Hans Henrich, Josef Hirz, Josef Kirsch (Doorts Josef), Josef Klein, Josef Lenz (Rittersch Lang), Josef Merscher, Artur Schmidt, Peter Schommer und Hermann Schüßler. Interessant erscheint die Tatsache, dass es zu 50% Josefs waren. Diesen innovativen und weitblickenden Rennstrategen verdankt unsere Gemeinde bis heute eine besondere Attraktion, die leider nicht in allen Ortsteilen gleichermaßen angenommen wird. Die ersten Sieger im Jahre 1935 waren Hermann Schüßler in der leichten Blechklasse und Nikolaus Winter in der wesentlich anspruchsvolleren Holzklasse, der daher auch den "wertvollen" Hauptpreis erhielt. Es war eine Standuhr, von der Zeitzeugen erzählten, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes immer stand. Bei der Premiere wurde beschlossen, dass alle fünf Jahre ein Rennen stattfinden sollte. Dieser vorgesehene Rennabstand konnte aus den unterschiedlichsten Gründen - sowohl weltpolitischer (Zweiter Weltkrieg) als auch lokaler Art (Straßenbau, Marktplatzeinweihung ) - nur zweimal eingehalten werden. In den Jahren 1935, 1948, 1953, 1960, 1970, 1977, 1985, 1987, 1995 und 2000 konnten Presse, Rundfunk und auch Fernsehen über das Hoppstädter Schubkarrenrennen berichten.
Im Jahre 1953 wagte das Rennkomitee einen mutigen Schritt. Als der Begriff "Gleichberechtigung" für viele noch ein exotisches Fremdwort war, wurde für die rennsportbegeisterten Frauen eine eigene Klasse geschaffen. Nicht mit Schubkarren sollten sie laufen, sondern mit einem Gefährt, das der Damenwelt von Natur aus eher vertraut ist: das "Damen-Flachrennen" mit Kinderwagen wurde geschaffen. Es entwickelte sich schnell zum "Renner" im Rennen, denn weibliche Anmut gepaart mit sportlicher Höchstleistung ist für jeden Zuschauer eine Augenweide. Da Stillstand im allgemeinen einen Rückschritt bedeutet, war das Rennkomitee, das sich naturgemäß im Laufe der Jahre immer wieder personell veränderte, stets bemüht, attraktive Neuerungen einzuführen. Die Anzahl der Rennklassen wurden erhöht und den jeweiligen Gegebenheiten angepasst (von zwei auf maximal elf). Der Wert der Sachpreise (z.T. lobenswerte Spenden aus der örtlichen Geschäftswelt, z.T. vom Veranstalter gekauft) nahm merklich zu. Kein Teilnehmer verließ das Stadion "Toller Rennkessel" ohne Urkunde und einen Sachpreis, der die Startgebühr auf jeden Fall übertraf. All dies führte zu einem deutlichen Anstieg der Teilnehmerzahl (von 86 im Jahre 1970 auf 164 im Jahre 2000).


Im Jahre 2000 versuchte man erstmals am Vorabend des eigentlichen Renntages ein Staffelrennen zu starten. 16 teilnehmende Vierer-Staffeln ließen den Versuch zum Erfolg werden. Zur Steigerung der Attraktivität trug auch die Abkehr vom ursprünglichen Renntermin (2. Kirmestag) bei. Das meist kalte und regnerische Novemberwetter, dazu noch an einem Werktag, ist für eine solche Freiluftveranstaltung nicht unbedingt geeignet. Trotz aller Neuerungen und der stärkeren sportlichen Ausrichtung sind Humor und Frohsinn nicht auf der Strecke geblieben. Ein Garant dafür sind die "herzzerreißenden" Einlagen des Gesangvereins "Schrecklich". Das Repertoire dieses eigenwilligen Männerchores hat sich inzwischen von drei auf über zehn Lieder mehr als verdreifacht. Außerdem fanden sich immer wieder erfindungsreiche Starter, die durch einen besonderen Gag zur Auflockerung des Rennens beitrugen.
Ein zusammenfassender Rückblick auf die Geschichte des Hoppstädter-Schubkarrenrennens wäre unvollständig ohne Erwähnung des Seriensiegers, Dieter Schöppel, der seit 1977 fünfmal in Folge den ersten Platz belegte. Er hält mit 53,06 sec. auch den Streckenrekord auf dem 393,32 m langen Rundkurs. Den Wert dieser Zeit kann man erst ermessen, wenn man weiß, dass Michel Johnson aus den USA, der Olympiasieger von Sydney, die 400 m (ohne Schubkarren!) in 43,84 sec. zurücklegte.
Das Schubkarren-Rennkomitee und der Gesangverein "Schrecklich" tragen durch ihre Aktivitäten zur Traditionspflege und zur Erhaltung eines kleinen Stücks Ortsgeschichte bei.

Zum Abschluß grüßen
Rennkomitee und Rennleiter Manfred Pitz alle Fans des Schubkarrenrennsports mit einem dreifachen

Hall Droff!     Hall Droff!    Hall Droff!